BYD Atto 3 im Test: Klein-SUV mit einigen Besonderheiten

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Der größte Hersteller von E-Autos ist? Nein, nicht Volkswagen. Und auch nicht Tesla, wie man meinen könnte. Der chinesische Hersteller BYD grüßt von der Spitze und bietet mit dem Atto 3 ein Klein-SUV an, das einige pfiffige Extras bietet. Wir haben das Elektroauto im Test auf die Probe gestellt.
BYD Atto 3 im Test von inside digital an einer Ladesäule von Aral Pulse.
Kann der BYD Atto 3 im Test überzeugen?Bildquelle: Hayo Lücke / inside digital

Zugegeben: Der 4,46 Meter lange, 1,88 Meter breite und 1,62 Meter hohe BYD Atto 3 ist nicht das neueste Elektroauto am Markt. Wir haben uns trotzdem dazu entschlossen, das kleine SUV in einem Test auf die Probe zu stellen, weil es eines der ersten E-Autos war, das der chinesische Hersteller nach Europa brachte. BYD selbst verspricht ein auf der einen Seite kleines, aber auch ein dynamisches C-SUV mit Frontantrieb. Vergleichsweise klein? Ja, das passt. Dynamisch? Eher weniger!

BYD Atto 3 im Test: Eher komfortabel als dynamisch

Erhältlich ist der BYD Atto 3 in drei Ausstattungsvarianten (Active, Comfort, Design), die alle mit einer 60 kWh großen LFP-Batterie auf 400-Volt-Technik über die Straßen rollen. Auch die Leistung ist bei allen Modellen identisch. Bis zu 150 kW (204 PS) stehen bei einem maximalen Drehmoment von 310 Nm zur Verfügung. Ein Rennwagen ist der Atto 3 nicht. In der Spitze sind nämlich nur 160 km/h möglich, der Autobahnassistent funktioniert bis zu einer Geschwindigkeit von 150 km/h. Und ein Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt laut Hersteller in allenfalls soliden 7,3 Sekunden.

Seitenansicht des BYD Atto 3.
Seitenansicht des BYD Atto 3.

Teil der Wahrheit ist aber auch: Die Leistungsdaten sind für den Alltag vollkommen ausreichend. Auf richtig agiles Fahren muss man aber verzichten. Auch dann, wenn man über einen Wippschalter an der Mittelkonsole vom Fahrmodus Eco oder Normal in den Modus Sport wechselt. Die Rekuperation lässt sich über das Bordsystem oder ebenfalls über einen Schalter an der Mittelkonsole in zwei Stufen anpassen. Auf sehr starke Verzögerungen des Fahrzeugs solltest du dich aber auch in der höheren Stufe nicht einstellen. Bequemes 1-Pedal-Fahren ist nicht möglich.

Die Lenkung lässt sich gleichermaßen in zwei Stufen zwischen komfortabel und sportlich anpassen. Etwas überraschend: Nicht im Komfort-, sondern im Sportmodus hatten wir das Gefühl, das Auto mit mehr Fahrkontrolle steuern zu können. Richtig gut zu gefallen weiß die sehr komfortabel abgestimmte Federung. Sie schluckt Unebenheiten auf der Fahrbahn auf hohem Niveau und sorgt auch auf Kopfsteinpflaster für ein angenehmes Fahrgefühl.

Das Interieur: Sehr stimmig

Ein Blickfänger im Innenraum ist der ebenfalls an der Mittelkonsole verbaute und vergleichsweise große Gangwahlhebel. Er erinnert stark an einen Gangwahlschalter aus klassischen Automatikwagen. Intuitiv zu bedienen ist das erfreulich einfach gehaltene Multifunktionslenkrad. Cooler Kniff: Das große Center-Display lässt sich auf Knopfdruck um 90 Grad aus der horizontalen in die vertikale Ausrichtung umstellen. Eine vertikale Ausrichtung erweist sich zum Beispiel bei Nutzung des Navigationssystems als praktisch, weil ein größerer Kartenausschnitt einsehbar ist.

Cockpit des BYD Atto 3.
Modern designt: das Cockpit des BYD Atto 3.

Bei der Ausstattungsvariante Design ist der schwenkbare Bildschirm 15,6 Zoll groß, sonst nur 12,8 Zoll. Hinter dem Lenkrad steht ergänzend ein 5-Zoll-Infodisplay zur Verfügung, ein Head-up-Display gibt es in diesem E-Auto nicht. Ordentlich funktioniert die Sprachsteuerung des BYD Atto 3. Aber nur, wenn man nicht zu lange Sätze spricht. Fenster an der Seitenscheibe öffnen, Innenraumtemperatur regeln, Sitzheizung einschalten, Navigation starten: alles kein Problem.

Dazu gesellen sich serienmäßig ein zu öffnendes Panoramadach mit Sonnenblende und eine dezente Ambientebeleuchtung, die sich so einstellen lässt, dass sie nur vorn, nur hinten oder im ganzen Fahrzeug leuchtet. Dazu haben sich die BYD-Designer für stylische Türöffner der anderen Art entschieden: Zughebel oberhalb des runden, in die Tür integrierten Lautsprechers. In gewisser Weise ist der BYD Atto 3 sogar verspielt. Denn die Ablageflächen in den Türen sind mit elastischen Bändern im Stil von Saiten einer Gitarre ausgestattet. Wer daran zupft, kann sogar Töne erzeugen. Gleichermaßen kurios wie seltsam.

Detailansicht der rechten Beifahrertür beim BYD Atto 3.
Eine Gitarre in der Tür? Gibts im BYD Atto 3 kostenlos dazu!

Etwas enttäuscht hat uns das verbaute Digitalradio. Trotz eines mehrfach initiierten Sendersuchlaufs konnten wir in verschiedenen Städten nicht alle örtlich verfügbaren DAB-Sender abrufen. Zusätzlich kam es bei einzelnen Sendern immer wieder zu Aussetzern.

Das Platzangebot: Vorn gut, hinten mau

Und wie ist es um das Raumgefühl bestellt? Bei einem Radstand von 2,72 Metern erwartet man schon von den Zahlen her kein Raumwunder. Umso schöner ist es, dass der BYD Atto 3 auf den vorderen Sitzen mehr als ausreichend Platz bietet. Auch die Kopffreiheit ist hier selbst für lang gewachsene Menschen mehr als genug gegeben. Die Sitze haben wir aber als weniger komfortabel empfunden und hätten uns deutlich mehr Seitenhalt gewünscht.

Anders sieht es mit dem Platzangebot auf den Plätzen im Fond des Fahrzeugs auf. Wer hinten Platz nimmt, muss ab einer Größe von 1,90 Metern mit einer stark eingeschränkten Beinfreiheit leben. Es sei denn, Fahrer und Beifahrer rücken mit ihren Sitzen weit nach vorn. Bereits ab etwa 1,85 Metern wird es zudem mit der Kopffreiheit in Reihe zwei ziemlich dünn. Hier müssen erwachsene Mitreisende also recht schnell mit Einschränkungen leben.

Blick auf die zweite Sitzreihe im BYD Atto 3.
Blick auf die zweite Sitzreihe im BYD Atto 3.

Der Kofferraum bietet standardmäßig ein Stauvolumen von 440 Litern. Ähnlich viel wie im Subaru Solterra (Test) oder im Renault Megane E-Tech (Test). "Viel" ist allerdings relativ. Denn für mehr als drei Getränkekisten reicht der Platz ohne umgeklappte Rücksitze nicht. Wer sich für ein Umlegen entscheidet, kann das Ladevolumen auf 1.338 Liter steigern. Zusätzlicher Stauraum ist in einem Unterboden zu finden, wo problemlos zwei Ladekabel ihren Platz finden.

Einen Frunk im Motorraum gibt es nicht. Das Be- und Entladen des Kofferraums ist problemlos möglich, weil keine hohe Laderampe vorhanden ist. Elektrisch zu öffnen und zu schließen ist die Heckklappe nur in der höchsten Ausstattungsvariante.

Blick in den Kofferraum des BYD Atto 3.
Der BYD Atto 3 bietet überschaubar viel Platz im Kofferraum - hat dort aber einen praktischen Unterboden.

BYD Atto 3: Verbrauch im Check

Licht und Schatten gibt es auch hinsichtlich des Verbrauchs zu vermelden. Der BYD Atto 3 verbrauchte im Stadtverkehr im Durchschnitt nur 17 kWh pro 100 Kilometer, was zwar kein Spitzenwert, aber für ein knapp 2,2 Tonnen schweres SUV (Bruttogewicht) ein grundsolider Wert ist. Auf der Landstraße waren ähnliche Verbrauchswerte zu ermitteln. Vergleichsweise stromhungrig zeigt sich das Auto aber auf der Autobahn.

Dort ist es problemlos möglich, den Strombedarf während des Fahrens auf der rechten Spur bei rund 20 kWh/100 Kilometer einpendeln zu lassen. Wer das Strompedal aber jenseits der 110 km/h tritt, wird mit einem deutlich höheren Verbrauch rechnen müssen. Selbst wenn man sich "nur" an die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h hält, können es schnell zwischen 25 und 26 kWh pro 100 Kilometer sein.

Blick in den Motorraum des BYD Atto 3.
BYD Atto 3: Kein Frunk unter der Motorhaube.

Im Schnitt haben wir während unseres zweiwöchigen Tests einen durchschnittlichen Autobahnverbrauch von knapp 25 kWh pro 100 Kilometer ermittelt. Unsere ermittelte Langstreckenreichweite auf der Autobahn lag entsprechend bei nur rund 230 Kilometern. Fairerweise müssen wir an dieser Stelle aber sagen, dass es sich überwiegend um Fahrten bei winterlichen Temperaturen handelte. Im Sommer mag der Verbrauch etwas niedriger ausfallen.

Wiederaufladung: Bedauerlich langsam

Nun wäre eine niedrige Reichweite kein Problem, ließe sich das Fahrzeug über den Ladeanschluss vorne rechts schnell wieder aufladen. Das ist beim BYD Atto 3 aber nicht der Fall. Beispiel Wechselstrom-Ladung: Wer eine Wallbox oder eine Normalladesäule ans+teuert und mit dem Atto 3 in der günstigsten Ausstattungsvariante Active unterwegs ist, kann maximal mit 7 kW laden. Die Comfort- und Design-Variante kommt auf eine AC-Ladezeit von immerhin 11 kW. Ein Upgrade auf 22 kW steht auch optional nicht zur Verfügung.

Die eigentliche Enttäuschung ist aber die mäßige Schnellladefähigkeit. Egal für welche Ausstattungsvariante man sich entscheidet, grundsätzlich liegt die maximale DC-Ladeleistung bei gerade einmal 88 kW. Und die kann auch nur unter optimalen Bedingungen erreicht werden. Wir haben bei frischen Außentemperaturen in der Spitze bei zwei von uns geprüften Schnellladungen maximal 69 respektive 70 kW abrufen können.

BYD Atto 3 steht an einer Schnellladesäule von Aral Pulse.
Die Schnellladefähigkeit des BYD Atto 3 ist eher überschaubar gut.

Für ein modernes E-Auto ist das für unser Empfinden zu wenig. Denn niemand möchte bei einem Ladestopp unnötig lange an der Ladesäule stehen. Zeit für Aufladungen muss man mit dem Atto 3 aber einplanen, wenn man nicht zu Hause oder bei der Arbeit laden kann. Für eine Aufladung von 8 auf 80 Prozent vergingen während unseres Tests quälend lange 47 Minuten, bei einer zweiten Ladung von 26 auf 80 Prozent 36 Minuten. Positiv: Der City-SUV hält relativ lange eine Ladegeschwindigkeit zwischen 55 und 65 kW. Erst bei Erreichen 85 Prozent SoC ist ein Abfall auf 30 kW zu beobachten.

Wie sehr das Auto der Entwicklung am Markt hinterherhinkt, zeigt übrigens auch das integrierte Navigationssystem. Hier lässt sich unter anderem die Suche nach Ladesäulen in der Umgebung nach der abrufbaren Ladegeschwindigkeit filtern. Als "Super-Schnellladung" definiert BYD im Atto 3 allerdings Ladesäulen, die mit mindestens 50 kW. In anderen E-Autos würde man mindestens 150 kW als echte Schnellladung definieren. Ladestopps lassen sich über das Atto-3-Navi übrigens einplanen. Aber nur optional, nachdem das System bereits eine Route berechnet hat.

Was kostet der BYD Atto 3?

Über die BYD-Homepage sind aktuell zwei Varianten des BYD Atto 3 konfigurierbar: Comfort und Design; beide mit 18-Zoll-Felgen. Die günstigste Active-Variante ist aktuell als Neuwagen nicht zu haben. Die Comfort-Variante ist momentan für 37.990 Euro zu haben, das Design-Modell bei 39.990 Euro.

BYD Atto 3.
An der Front zeigt sich der BYD Atto 3 angenehm unaufgeregt.

Fünf Lackierungen stehen zur Wahl: Rot, Blau, Weiß, Silber und Grün. Ein Aufpreis wird – etwas überraschend – für keine dieser Farben fällig. Dafür verzichtet BYD auf zusätzlich auswählbare Ausstattungspakete. Der Hersteller gewährt sechs Jahre Basisgarantie (max. 150.000 Kilometer) und acht Jahre Garantie auf die Batterie (max. 200.000 Kilometer).

Fazit zum BYD Atto 3: Der Anfang ist gemacht

Licht und Schatten geben sich beim BYD Atto 3 die Klinke in die Hand. Der Klein-SUV im C-Segment punktet mit einem geschmackvollen Innenraum, alltagstauglichen Fahreigenschaften und einer umfangreichen Sicherheitsausstattung. Der Spurhalteassistent bereitete uns im Test phasenweise etwas Kopfschmerzen, im Euro-NCAP-Sicherheitstest gab es für das Auto aber volle fünf Sterne.

Dem gegenüber steht eine viel zu maue Ladeleistung. BYD ist Akkuspezialist und gerade dann sollte es möglich sein, ein E-Auto nach Europa zu liefern, das eine Wiederaufladung mit mindestens 100 kW, besser noch mindestens 120 kW ermöglicht. Die Platzverhältnisse sind nur vorn komfortabel, das Navigationssystem liefert teilweise unpräzise Echtzeitinformationen. Und phasenweise unklare Ansagen obendrein. Gut: Eine Wärmepumpe ist serienmäßig verbaut.

BYD Atto 3 Heckansicht.
Am Heck geht es beim BYD Atto 3 sportlicher zu - unter anderem dank eines Dachkantenspoilers.

Dass der kleine SUV mit Crossover-Genen in Deutschland für knapp 40.000 Euro angeboten wird, liegt unter anderem an Einfuhrzöllen, aber auch am noch immer mauen Wettbewerb. In China gibt es den Atto 3 zu deutlich niedrigeren Preisen – und übrigens auch schon in einer dezenten Facelift-Variante. Auffälligste Änderung: Am Heck ist nicht mehr der Schriftzug "Build Your Dreams" zu lesen, sondern nur noch das Kürzel BYD.

Vorteile des BYD Atto 3

  • komfortabel abgestimmtes Fahrwerk
  • hochwertiger Innenraum
  • viele Sicherheitsfunktionen
  • viele Extras ohne Aufpreis

Nachteile des BYD Atto 3

  • recht hoher Preis
  • Ladeleistung an Schnellladesäulen zu langsam
  • (im Winter) hoher Verbrauch auf der Autobahn
  • kleiner Kofferraum

Übrigens: Sein aktuell hierzulande noch überschaubares Händlernetz will BYD in den kommenden Monaten kräftig ausbauen. Wenn das gelingt, wird man in Zukunft sehr viel häufiger E-Autos von BYD auf hiesigen Straßen sehen.

Kommentar

Von Hayo Lücke

Der BYD Atto 3 hat mich auf vielfältige Weise überrascht. Insbesondere der sehr modern gestaltete Innenraum hat mir auf Anhieb gefallen. Gar nicht überzeugend: die Ladeleistung an Schnellladesäulen. Alles unter 120 kW ist einfach nicht zeitgemäß. Wer keine Wallbox nutzen kann, ist darauf angewiesen, dass der Strom möglichst rasch im Energiespeicher des E-Autos landet. Beim Atto 3 dauert die Wiederaufladung gerade auf der Langstrecke aber zu lange.

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